Interview mit Hannah - Tochter eines an Prostatakrebs Erkrankten
die.blue.Charity: Lieben Dank, dass du dir die Zeit nimmst!
Dein Vater ist an Prostatakrebs erkrankt. Wie hast du davon erfahren?
Hannah: Ich war abends zu Hause. Ich bin vom Reitstall zurück gekommen. Er stand in der Küche und dann hat er es mir erzählt. Das war zwischen Weihnachten und Neujahr in 2017. Wie ich jetzt auch erst erfahren habe, wusste er selber es auch schon vor Weihnachten, hat es uns aber erst nach Weihnachten gesagt.
die.blue.Charity: Dann hat er die gesamte Prozedur bis zur Diagnose mit sich selber ausgemacht? Es dauert ja auch eine Weile, bis man die Diagnose bestätigt hat.
Hannah: Ja, es war wohl ganz kurz vor Weihnachten. Sein Freund und Hausarzt ist in Rente gegangen und dann wollte er dort vorher nochmal hin. Der hat ihn untersucht und ihm gesagt: „Geh doch mal besser zum Urologen.“ Kurz vor Weihnachten hat er so erfahren, dass er Prostatakrebs hat. Er hat dann entschieden, er sagt uns das nach den Feiertagen, nachdem wir zu dritt Weihnachten gefeiert haben. Es war eine Situation, womit wir überhaupt nicht gerechnet haben. Meine Mutter war oft bei der Vorsorge. Aber bei meinem Vater war das nie Thema. Und wenn ich so zurück überlege, hat man ihm auch gar nicht so viel angemerkt, obwohl er das da schon mit sich selber ausgemacht hat.
die.blue.Charity: Aber ursprünglich wurde die Tastuntersuchung gemacht?
Hannah: Genau. Und da hat der befreundete Arzt einen Verdacht gehabt und ihn zum Urologen überwiesen.
die.blue.Charity: Ein gutes Beispiel für die Tastuntersuchung. Nicht immer ist die Diagnose über das Tasten möglich. Aber toll, dass es im Fall deines Vaters geklappt hat. Wie alt war dein Vater da?
Hannah: 65
die.blue.Charity: Und du?
Hannah: 27
die.blue.Charity: Dann war er ja noch knapp unter dem Durchschnittsalter für die Prostatakrebs Diagnose. Und du warst ja auch noch sehr jung.
Hannah: Ja, ich habe auch noch zu Hause gewohnt. Kurz danach bin ich ausgezogen. Da hatte ich gerade mein Studium frisch beendet.
die.blue.Charity: Konnte der Prostatakrebs geheilt werden?
Hannah: Ich habe mich ja dann auch erst so ein bisschen eingelesen und habe erfahren, dass es Varianten gibt, wo man nur einen Teil der Prostata entfernt. Bei ihm war aber alles befallen und relativ schnell klar, dass die ganze Prostata entfernt werden muss. Und dann war noch nicht ganz klar, welche Klinik und welche Art von Operation und das hat eine Zeit lang gedauert, bis er sich entschieden hatte und dann wurde drei Monate später die Prostata entfernt. Das lief auch gut.
Nach der OP, einen Tag bevor er entlassen werden sollte, hat er allerdings Fieber bekommen und hatte eine Blutvergiftung von der OP. Also nicht auf den Krebs bezogen, sondern auf Grund der OP war das eine Nebenwirkung. Dann ist er noch ein paar Tage länger da geblieben und später dann in die Reha gekommen. Mittlerweile, 5 Jahre später, ist soweit wieder alles gut. Wenn ich mit ihm telefoniere, habe ich das Gefühl, dass er auch ziemlich oft und regelmäßig bei der Urologin zur Nachsorge ist. Aber er hat nie wieder etwas Auffälliges berichtet.
die.blue.Charity: Hat er denn, als er es euch dann schließlich erzählt hat auch offen darüber gesprochen oder war es schwierig, den Zugang zu ihm zu finden?
Hannah:Er hat eigentlich relativ offen darüber gesprochen. Er hat überlegt, wem er es am Anfang erzählt und entschieden, nur meiner Mutter und mir. Und wir haben auch nicht viel nachgebohrt sondern ihn von sich aus erzählen lassen. Man hatte natürlich ein paar Fragen, weil wir ja auch nicht bei der Diagnose dabei waren. Aber er hat uns schon Einiges erzählt. Ich würde aber auch vermuten, dass er nicht alles bis ins letzte Detail erzählt hat.
die.blue.Charity: Hat er darüber gesprochen, wie es ihm damit geht und wie er damit zurecht gekommen ist?
Hannah: Das hat er nicht gesagt. Aber man hat es gemerkt, wenn man ihn kennt. Er weint eigentlich nie und da hatte er Tränen in den Augen und schluchzend erzählt. Da konnte man richtig merken, dass er doch ganz verunsichert ist. Auch für ihn war es etwas, wo er so garnicht mit gerechnet hat. Ich wüsste auch nicht, dass irgendwo im familiären Umfeld jemand Prostatakrebs hatte. Seine Eltern sind an anderen Dingen verstorben. Da hatte man irgendwie vorher keine Berührung mit.
die.blue.Charity: Man geht ja auch - wenn wir ehrlich sind - zu einer Früherkennungsuntersuchung in der Erwartung, die Bestätigung zu holen, dass nichts ist.
Hannah: Bei Frauen, ob es mit der Verhütung anfängt oder etwas anderem, eine Frau geht eher zum Gynäkologen, als ein Mann zum Urologen. Wir machen das halt ab 14 oder 15 Jahren.
die.blue.Charity: Wenn man hingegen mit 45 das erste mal hingeht und die Hosen runter lässt, birgt das riesen Hemmung. Vor allem, wenn man so wenig in seinem Leben über Krankheit oder Intimität gesprochen hat.
Hannah: Sehe ich auch so. Und auch obwohl zum Beispiel mein Freund die Geschichte von meinem Vater mitbekommen hat, geht er nicht zur Vorsorge. Das macht mich ganz fuchsteufelswild. Er hat da ganz schlimme Vorstellungen, was da Furchtbares und Schmerzhaftes passiert.
die.blue.Charity: Wie konntet ihr deinen Vater dann im Verlauf weiter unterstützen?
Hannah: Er war für die Operation in Gronau in der Klinik. Also nicht direkt in der Nähe. Da haben wir uns frei genommen und ihn nach der OP besucht. Und in der Reha haben wir ihn auch besucht. Die war auch etwas weiter weg. Auch auf Gleichgesinnte in der Reha zu treffen, das hat ihm auch gut getan.
die.blue.Charity: Hat er zum Thema Inkontinenz oder Impotenz mit dir gesprochen?
Hannah: Er hat es nicht so richtig angesprochen. Aber man hat gemerkt, dass es ihn besorgt. Er hat es einmal erwähnt und da konnte man merken, es macht ihm schon Sorge. Er hatte länger auch Unterlagen im Bett. Und wir durften ihn nicht zum Lachen bringen. Beim Lachen und nachts war er immer mal wieder etwas inkontinent. Aber mittlerweile merkt man da nichts mehr. Zu Impotenz weiß ich in der Tat nichts. Da hat er mit mir nicht drüber gesprochen.
die.blue.Charity: War er noch berufstätig?
Hannah: Ich muss überlegen. Ich meine er war tatsächlich schon Rentner oder in Altersteilzeit, sodass sein Berufsleben davon nicht so stark beeinträchtigt war.
die.blue.Charity: Was gab es sonst für Herausforderungen oder Einschnitte durch die Erkrankung?
Hannah: Er ist gerne Fahrrad gefahren. Das war längere Zeit nicht so möglich. Aber ansonsten habe ich nichts groß in Erinnerung. Allerdings glaube ich, dass er die Nachkontrollen sehr ernst nimmt und da dran bleibt.
die.blue.Charity: Hast du Empfehlungen oder Tipps, wie man das Thema in der Familie gut besprechen kann? Was hättest du dir vielleicht gewünscht oder was lief sehr gut bei euch?
Hannah: Ich fand es schon gut, dass man ihn erstmal so viel reden lässt, wie er selber preisgeben möchte, ihn zu nichts drängt und ihm einfach erstmal zuhört. Das kann abhängig sein von Person zu Person. Und trotzdem hat man natürlich selbst das Bedürfnis, möglichst viel zu wissen und viel zu fragen. Vielleicht muss man die Fragen nicht immer direkt dem Betroffenen stellen. Sondern sich an anderen Stellen Fragen beantworten lassen und Unterstützung suchen. Mir hat es sehr geholfen, mit meiner Mutter zu sprechen, weil wir da beide in der gleichen Situation waren. Ich habe ja keine Geschwister.
die.blue.Charity: Was hat dir sonst geholfen, es zu verarbeiten, neben den Gespräche mit deiner Mutter? Gab es andere Dinge, die gut getan haben?
Hannah: Ablenken hilft auf jeden Fall. Als er es erzählt hat, musste ich erstmal raus und woanders hin und irgendwas machen und mich ablenken. Und als ich wieder ein bisschen Luft hatte, dann konnte ich es auch wieder von einer anderen Seite sehen. Das hilft auf jeden Fall.
die.blue.Charity: Und das war für ihn auch ok, dass du dann raus bist?
Hannah: Ja, das war ok. Meine Mutter arbeitete noch halbtags. Er hatte nicht immer jemanden um sich. Er war nicht zu viel alleine, um das selbst mit sich auszumachen. Aber er hatte auch nicht dauerhaft Leute um sich herum. Das war eine gute Mischung und er wurde nicht ganz so überfrachtet mit Mitleid und all dem, was einem entgegen gebracht wird.
Was ich wirklich gemerkt habe, dass es ihm in der Reha gut tat, andere Männer um sich zu haben, die genau so betroffen sind, in ganz unterschiedlichen Stadien. Manche hatten es viel früher entdeckt, andere leider viel später. Da hat er dann noch viel mehr darüber erfahren und Leute kennengelernt. Das hat ihm gut getan. Da hat er dann auch nochmal, weil er vorher Sorge hatte bei Impotenz und Inkontinenz andere Erfahrungen mitbekommen. Und er hat dort auch die ganzen Übungen fleißig gemacht, zumindest in der Anfangsphase. Da hat er einen Leitfaden bekommen, was einem selbst hilft und was man aktiv tun kann. Er hatte auch extra eine stationäre Reha. So war er wirklich eine Zeit lang raus und konnte er sich nur darum kümmern und hatte den Tapetenwechsel.
die.blue.Charity: Hast du selber psychologische Hilfe in Anspruch genommen?
Hannah: Tatsächlich nicht. Ich habe mit meiner Mutter viel gesprochen, die früher in der Hinsicht viel Hilfe hatte. Und sie hat es auch noch mehr mitgenommen, als ich es gedacht hätte. Wenn man die Eltern vorher mal streiten hörte und man sich dachte, wie ist es nach so vielen Jahren ist. Aber als er es erzählt hat, ist sie direkt in einen Weinkrampf ausgebrochen. Das hätte ich irgendwie nicht erwartet. Man denkt, die Mama ist immer noch die Starke, die einem selbst hilft und dann sieht man, in diesem Moment ist sie das doch nicht. Sie hat es auch mitgenommen. Aber das hat uns dann am meisten geholfen, dass wir einander hatten. Und meinen Partner, der uns viel geholfen hat und zur Seite gestanden hat. Es gab auch tatsächlich später ein zwei im Umfeld, nachdem mein Vater es dann erzählt hatte, die dann gesagt haben: „Ja, hatte ich auch.“ Von denen wusste man das garnicht im Freundeskreis. Das hat ihm auch nochmal gut getan, dass er sich damit nicht so alleine gefühlt hat.
die.blue.Charity: Wie hast du deinen Vater unterstützen können? Hat er sich unterstützen lassen?
Hannah: Schon ein bisschen. Er macht schon gerne alles selbst. Aber man hat gemerkt, vor und nach der OP und in der Reha war er etwas auf Hilfe angewiesen. Als er operiert wurde, habe ich auch schon nicht mehr zu Hause gewohnt, sondern etwas weiter weg. Da bin ich dann so oft es ging auch wieder nach Hause, damit meine Mutter nicht alleine ist. Kind ausgezogen, Mann in der Reha und sie ist plötzlich alleine zu Hause. Wir haben uns dann so oft es ging getroffen und ihm und einander geholfen.
die.blue.Charity: Hat sich euer Verhältnis geändert, seitdem?
Hannah: Ich glaube nicht viel. Und wenn, dann auf keinen Fall negativ. Mittlerweile ist es wieder wie vorher. Wenn nicht sogar noch etwas inniger im Hinblick auf das Bewusstsein für so etwas. Man lernt sich doch noch etwas anders kennen und sieht, dass man auch gut miteinander sprechen kann und keine Scheu haben muss. Aber vorher hat man ja nie so eine Situation. Dann weiß man nicht, wie spricht man darüber. Jetzt kann man das besser einschätzen.
die.blue.Charity: Gab es Dinge, mit denen ihr nicht gerechnet habt, neben der Tatsache, dass die Diagnose als solche unerwartet kam? Etwas, was du anderen mitgeben kannst?
Hannah: Ob er das jetzt hören will, weiß ich nicht. Mein Vater hat nach der OP so einen kleinen Gesundheitswahn entwickelt. Sonst trank er gerne sein Bier, aß gerne viel Fleisch. Da hat er dann auf Vieles mehr geachtet, hat abgenommen, hat morgens seine kleinen Sportübungen gemacht. Bis er in der Reha auf einem Zimmer mit einem anderen Patienten lag, der etwas rustikaler war. Und der kannte nur die Kneipe um die Ecke. Dann ist sein paar-wöchig anhaltendes „ich lebe jetzt gesünder“ wieder abgeflacht. Das fanden Mama und ich natürlich sehr schade. Erst dachten wir: „Ach guck mal wie schön. Er bemüht sich richtig. Mehr Sport, abgenommen, Bierchen weniger.“ Und dann kam der falsche Nachbar aufs Zimmer und da war es wieder dahin. Andererseits hat man aber auch gemerkt wieviel ihm daran hängt, sich mit anderen Betroffen auszutauschen und die Leute in der gleichen Situation zu haben.
Wir sind sehr dankbar für diese wichtigen Erkenntnisse, die uns von Hannah aus Angehörigen Sicht erläutert wurden.
Stand Januar 2024